Nach fast zwei Jahren anhaltender Unterbrechungen im Roten Meer wagen die Reedereien nun erste vorsichtige Schritte: Für ausgewählte Dienste wird die Rückkehr zum Suezkanal getestet.

Seit Dezember hat eine kleine Gruppe von Carriern damit begonnen, vereinzelt Testtransite durchzuführen oder begrenzte Routen wieder aufzunehmen. Dennoch markieren diese Maßnahmen noch keine flächendeckende Rückkehr zum ursprünglichen Ost-West-Netzwerk der Vorkrisenzeit. Nach wie vor wird der Großteil des Containerverkehrs zwischen Asien und Europa über das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet.

Auch wenn dieser Wandel ein bedeutendes Signal ist und auf stabilere Sicherheitsbedingungen in der Region hindeutet, bleibt die Gesamtlage fragil und steht weiterhin unter genauer Beobachtung.

Karte mit verschiedenen Routenoptionen von Singapur (Asien) nach Europa (Rotterdam): eine über den Suezkanal, die andere über das Kap der Guten Hoffnung, einschließlich eines Vergleichs von Transitzeiten und Seemeilen.
Die voraussichtliche Transitzeitdifferenz zwischen der Route über das Kap der Guten Hoffnung und der Route über Suez beträgt 10 bis 15 Tage.

Zeitplan: Wahrscheinlicher Ablauf der Rückkehr zum Suezkanal

Ein flächendeckender Wandel wird sich nicht über Nacht vollziehen. Aus operativer Sicht ist jede Rückkehr zum Suezkanal ein logistischer Kraftakt, der eine langfristige Planung erfordert – angefangen beim Versicherungsschutz über die Schiffsfahrpläne und Liegeplatzfenster bis hin zur gezielten Equipment-Positionierung.

Es ist davon auszugehen, dass die Reedereien nicht alle Dienste auf einmal umstellen, sondern Schritt für Schritt vorgehen. 

In der Praxis könnte dies bedeuten:

  • Änderungen werden Wochen, nicht Tage im Voraus kommuniziert.
  • Carrier beginnen mit einzelnen Diensten, bewerten das Risiko und weiten die Routenführung allmählich aus.

Für Ihre Planungsteams bedeutet dies konkret: Stellen Sie sich auf eine Übergangsphase mit hybriden Routenführungen und schwankenden Durchlaufzeiten ein, da sich die einzelnen Dienste in unterschiedlichem Tempo anpassen werden.

„Die Rückkehr zur Suez-Route ist keine Entscheidung, die man innerhalb von 48 Stunden trifft. Operativ benötigen die Carrier eine Vorbereitungszeit von mehreren Wochen. Jede Umstellung wird voraussichtlich Dienst für Dienst mit entsprechender Vorlaufzeit erfolgen.“

Stefan Hartmann
Head of Trade Asia Europe, Forto

Voraussichtliche operative Auswirkungen der Rückkehr in den Suezkanal

Branchenanalysen lassen bei einer Rückkehr zur Suez-Route zwei zentrale Effekte erwarten: Zunächst wird es zu kurzfristigen Störungen in den Zielhäfen kommen, worauf eine strukturelle Freisetzung von Schiffskapazitäten am Markt folgen dürfte.

Risiko von betrieblichen Störungen in europäischen Häfen

Sobald die Dienste von der langen Route um das Kap der Guten Hoffnung zurück auf die kürzeren Suez-Transite wechseln, verkürzt sich die Reisezeit massiv. Schiffe, die zuvor in weitem zeitlichem Abstand unterwegs waren, treffen dadurch in wesentlich engeren Zeitfenstern in den Häfen ein. Dies führt unweigerlich zu folgenden Problemen:

  • Überlappende Schiffsankünfte
    Schiffe desselben Dienstes laufen fast zeitgleich im Hafen ein.
  • Engpässe bei Liegeplätzen
    Der enorme Druck auf die verfügbaren Kapazitäten in Häfen steigt sprunghaft an.
  • Rückstaus im Hinterland
    Die daraus resultierenden Verzögerungen setzen sich in der gesamten Transportkette bis hin zum Hinterlandtransport (Schiene/LKW) fort.

Modellierungen von Sea-Intelligence verdeutlichen, dass die Geschwindigkeit der Umstellung der kritische Faktor ist. Eine schnelle, unkoordinierte Rückkehr zum Suezkanal könnte das Aufkommen an europäischen Terminals kurzfristig auf 30 bis 40 % über das bisherige Spitzenniveau treiben. Selbst bei einer gestaffelten Rückkehr über einen Zeitraum von etwa sechs Wochen läge das Volumen während der Anpassungsphase immer noch rund 10 % über den historischen Höchstständen.

Kapazitätsfreisetzung und Volatilität der Frachtraten

Die Route um das Kap der Guten Hoffnung bindet aufgrund der deutlich längeren Fahrzeiten erhebliche Schiffskapazitäten. Sobald sich die Umlaufzeiten durch die Nutzung des Suezkanals verkürzen, wird diese gebundene Kapazität sukzessive wieder in den globalen Containermarkt zurückfließen.

Experten schätzen, dass eine vollständige Rückkehr zur Suez-Route bis zu 2,1 Millionen TEU an effektiver Kapazität freisetzen könnte – das entspricht etwa 6 % der aktuellen Weltflotte. Dieser massive Kapazitätsschub wird die Entwicklung der Frachtraten maßgeblich bestimmen:

  • Kurzfristig: Erhöhte Volatilität.
    Unzuverlässige Fahrpläne, potenzielle Überlastungszuschläge in den Häfen und regionale Ungleichgewichte beim Equipment (Leercontainer-Positionierung) sorgen zunächst für instabile Raten.
  • Langfristig: Abwärtsdruck.
    Das deutlich erhöhte Angebot an Schiffsraum wird voraussichtlich einen nachhaltigen Abwärtsdruck auf die Frachtraten ausüben, auch wenn die Volatilität während der gesamten Übergangsphase ein ständiger Begleiter bleibt.

Strategische Vorbereitung für Logistikteams

Die Rückkehr zur Suez-Route ist kein Selbstläufer, sondern bringt unmittelbar operative Hürden mit sich. Rechnen Sie mit Verzögerungen durch Hafenüberlastungen, steigenden Lagerkosten, einem erhöhten Risiko für Demurrage & Detention sowie potenziellen Versicherungsaufschlägen.

In diesem dynamischen Umfeld sind Transparenz, Flexibilität und proaktive Kommunikation Ihre wichtigsten Werkzeuge. So bereiten Sie Ihre Supply Chain vor:

  • Planung mit hybriden Routen
    Kalkulieren Sie mit variablen Durchlaufzeiten. Verlassen Sie sich nicht auf eine einheitliche Transitzeit-Annahme, solange Schiffe parallel beide Routen nutzen.
  • Service-Updates vor Schlagzeilen
    Priorisieren Sie die direkten Fahrplanänderungen der Carrier. Diese sind für Ihre operative Planung weitaus relevanter als allgemeine Marktnachrichten.
  • Flexibilität im Inbound-Management
    Seien Sie besonders bei Sendungen über europäische Hubs agil, da dort das Risiko für Engpässe am größten ist.
  • Fokus auf „Total Landed Cost“
    Behalten Sie die Gesamtkosten im Blick. Berücksichtigen Sie Puffer für Nebenkosten wie Demurrage & Detention oder Verzögerungen im Hinterland.
  • Echtzeitdaten als Frühwarnsystem
    Nutzen Sie digitale Sichtbarkeit (Visibility), um auf Störungen zu reagieren, bevor diese Ihre Lieferkette kritisch beeinträchtigen.

Wie unterstützt Forto Ihre Logistikteams?

Forto überwacht die aktuellen Entwicklungen auf Ebene der Carrier und der einzelnen Dienste kontinuierlich. Durch die Kombination aus unserer digitalen Infrastruktur und unserem globalen Netzwerk bieten wir Ihnen die nötige Resilienz in einer volatilen Phase:

  • Frühzeitige Transparenz
    Erhalten Sie sofortige Einblicke in Routenänderungen und potenzielle Überlastungsrisiken, bevor diese Ihre Lieferkette beeinträchtigen.
  • Präzise Datenbasis
    Profitieren Sie von transparenten Echtzeit-Updates zu Frachtkosten und voraussichtlichen Lieferterminen (ETA).
  • Strategische Beratung
    Unsere Seefracht-Experten unterstützen Sie persönlich bei der Risikobewertung und der Optimierung Ihrer Transportstrategie.

Häufig gestellte Fragen

Angesichts der sich ständig verändernden Lage im Roten Meer konzentriert sich Forto weiterhin darauf, Klarheit und operative Zuverlässigkeit zu gewährleisten.

Möchten Sie wissen, wie sich diese Entwicklungen konkret auf Ihre Lieferkette auswirken? Kontaktieren Sie das Forto-Team für eine individuelle Beratung.

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